Von Gewalt gegenüber Tieren wird mir übel.

Gewalt gegenüber Tieren erschüttert mich heftig, macht mich traurig und wütend. Das geht mir mit Gewalt grundsätzlich so, aber wenn ich davon höre, dass ein Mensch einem Tier Gewalt antut oder angetan hat, trifft mich das an einer möglicherweise noch empfindlicheren Stelle meiner Seele und auch meines Körpers. Das Grauen, das mich in solchen Momenten erfasst, ist körperlich spürbar und meist kämpfe ich nicht nur gegen die Tränen, sondern auch gegen spontane Übelkeit.

Ich habe mich schon oft gefragt, warum das so ist. Ich habe zwar bekanntlich einen klitzekleinenn Knall, was meine Katzen und ihre Bedeutung für Sie und mich und uns alle angeht, aber alles in allem glaube ich eigentlich nicht, dass ich ein ungesundes (weil übertriebenes und vermenschlichendes) Verhältnis zu Tieren und in gleichem Maße eine Störung im Umgang mit Menschen habe. Ich mag Menschen im Allgemeinen und auch im Besonderen, also: ausgewählte Exemplare. Ich bin fähig zu Empathie, Freundschaft und Liebe. Ich mache mich stark für Schwächere und betrachte mich als funktionierendes Glied in einem sozialen Gefüge.

Gewalt stößt mich grundsätzlich ab, im Großen wie im Kleinen. Ich verabscheue gewalttätige Auseinandersetzungen und Machtdemonstrationen im internationalen und völkerrechtlichen Kontext ebenso wie häusliche Gewalt, das Anbrüllen von Kindern durch überforderte Eltern in öffentlichen Verkehrsmitteln, das Austragen von zwischenmenschlichen Konflikten mit Waffen oder Fäusten und was es eben sonst noch so gibt. Kampfsport in der freien Natur und auch in der Kunst gehe ich aus dem Weg.

Trotzdem lese ich Krimis und gucke Tatort und Thriller-Serien. Aber ich habe schon so manches Buch weggelegt und mehr als einen Film abgeschaltet, weil darin einem Tier Gewalt angetan wurde. Ich weiß nicht, in wie vielen Tatorten die Katze von Lena Odenthal von einem fiesen Mörder, der die Kommissarin einschüchtern wollte, ermordet wurde – ich habe keinen von diesen Filmen zu Ende geschaut. Schon in der siebten Klasse des Gymnasiums hatte ich heftigen Ärger mit meinem Deutschlehrer, weil ich mich weigerte, Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter“ weiterzulesen, nachdem dort ziemlich zu Beginn eine Katze erschlagen worden war. Ansonsten mag ich Krimis und Thriller und die zur Erzeugung der dazugehörigen Spannung notwendige Gewalt zwischen den handelnden Personen nehme ich in Kauf. Zwar halte ich mir an ekligen Stellen manchmal die Augen zu, aber ich schalte deswegen nicht ab.

Im wirklichen Leben treffen mich Nachrichten über gequälte, zu Tode gekommene und missbrauchte Tiere ebenfalls bis ins Mark. Sie können weit von mir weg sein und mir nur als kurze Zeitungsnotiz begegnen, aber sie treffen mich. Pferderipper sind meinem Gefühl zufolge fast die unheimlichsten Serienmörder überhaupt: Wie kann ein Mensch nur auf die Idee kommen, so ein großes, sanftes und wunderbares Wesen wie ein Pferd zu quälen und umzubringen? Übereifrige Jäger, die „Problembären“ auf der Suche nach Futter und  Unterhaltung abschießen… was sind das für Menschen? Hysterische Touristen an sonnigen Stränden, die solange Selfies mit einem Delfin machen, bis dieser erstickt ist? Und die, die ihre eigenen Hunde oder Katzen schlagen, treten oder ertränken, weil diese sich nicht so verhalten wie gewünscht? Und was sind das für Scheißtypen, die einen Pinguin, den tierischen Inbegriff der liebenswerten Harmlosigkeit, aus einem Tierpark klauen und dann töten (bzw. ihren Tod billigend in Kauf nehmen)?

Die Geschichte mit dem Pinguin diese Woche hat mich echt heftig erwischt. Ich hatte bei Twitter – wo sonst? – von dem entführten Tier gelesen und hatte, wie wohl die meisten von uns, an einen Scherz oder eine romantische Aktion zum Valentinstag gedacht und über die vielen fantasievollen und charmanten Tweets zum Thema gelacht. Als ich dann fünf Tage später las, dass das verschwundene Tier unweit des Tierparks tot aufgefunden wurde – es konnte noch nicht abschließend geklärt werden, wie es zu Tode kam und ob es bereits tot war, als es am Straßenrand abgelegt wurde – war das wie ein schlimmer Schlag in den Magen.

Ich halte mich selbst für ziemlich friedfertig und kann mir auch keine Situation vorstellen, in der ich bewusst oder gar geplant Gewalt ausüben würde. Meinungsäußerungen, die auf Rache und Vergeltung abzielen, befremden mich grundsätzlich. Mir genügt es und muss es genügen, Täter als Scheißkerl und Arschloch zu bezeichnen, sie zu ächten und zu verachten. Wie es mir aber ginge, wenn in meinem realen Umfeld jemand einem Tier etwas antun würde oder wollte, kann und will ich mir lieber nicht vorstellen. In diesem Zusammenhang bin ich immer sehr froh, dass meine Katzen nicht rausgehen.

Wobei ich bestimmt keine sehr konsequente Tierschützerin bin. Ob meine Katzen mir für das sichere Zuhause ohne Gefahren von außen eigentlich dankbar sind, kann ich nicht sagen. Vielleicht würden sie die Gefahr gerne in Kauf nehmen, um draußen umherstreifen und jeden Tag neue Abenteuer erleben zu können. Gut, sie haben keine Zähne, aber vielleicht würden sie Kung Fu zur Selbstverteidigung lernen oder Mäuse mit kleinen über den Kopf gezogenen Plastiktüten ersticken. Und draußen prächtig zurechtkommen. Dann müsste ich auch nicht so viel Katzenfutter kaufen, für das ja auch wieder Tiere sterben müssen. Da kann ich selbst noch so vegetarisch essen und versuchen, so wenig Produkte vom lebenden Tier wie möglich zu verwenden – für die Katzen kaufe ich eben doch wieder Fleischhaltiges! Aus purem Egoismus, weil ich einfach gerne mit Katzen zusammenlebe.

Aber das ist nicht der Punkt. Ich könnte auch aufrichtig um einen toten Pinguin trauern, wenn ich für das Sonntagsessen ein schönes Stück Fleisch im Ofen hätte. Das sind in meinen Augen sehr verschiedene Dinge, auch wenn ich für mich persönlich den fleischhaltigen Braten ablehne und nicht möchte, dass irgendwo ein Tier für mich und mein genussvolles Leben stirbt.

Sinnlose Gewalt gegenüber einem harm- und wehrlosen Tier ist erschreckend. Es ist – es gibt genügend wissenschaftliche Studien zu diesem Themenkomplex – kein Zufall, dass Menschen, die irgendwann durch Gewalt gegenüber Menschen auffällig werden, sehr häufig irgendwann in ihrer Vergangenheit auch schon gewalttätig gegenüber Tieren gewesen sind. Eine einmal überschrittene Schwelle zur Gewalt gegenüber Lebewesen senkt diese Schwelle offenbar für immer, davon geht der Stand der Wissenschaft aus.

Tiere sind Tiere. Ihr Bewusstseinslevel ist ein völlig anderes als bei uns Menschen. Sie sind immer ganz im Hier und Jetzt und ganz und gar bei sich. Mit den meisten Überlegungen und Argumentationsketten, mit denen wir uns so durchs Leben manövrieren, würden wir bei Tieren glatt durchfallen. Unsere Haustiere (und in etwas abeschwächter Form auch Nutz- und Zootiere), die mehr oder weniger freiwillig Anteil an unserem Leben nehmen, haben quasi einen Deal gemacht: Sie haben ein warmes Bettchen (oder mehrere), bekommen drei bis fünf leckere Mahlzeiten täglich und werden sogar noch bespaßt und beschmust. Dafür ertragen sie unser Gequatsche, unsere Neurosen und die Blind- und Blödheit, mit der wir oft durch den Tag gehen. Sie lassen sich in unfotogenen Posen von uns ablichten und sind nicht beleidigt, wenn wir die albernsten Fotos ins Internet stellen. Sie vertrauen uns und legen ihr Leben in unsere Hände. Schon allein dafür verdienen sie Respekt und Fürsorge, Achtung vor ihrem Dasein und ihrem Tiersein.

Was aber kein Tier verdient: Dass ein unglücklicher, verstörter oder kranker Mensch sich an ihnen abreagiert und sie als Prügelknaben benutzt, um irgendwelche grausamen Spielchen zu spielen und schräge Fantasien auszuleben. Tiere sind keine Sachen und Tierquälerei hat in meinen Augen mit Sachbeschädigung nichts zu tun. In Grausamkeit gegenüber Tieren kanalisieren sich derart viele menschliche Schwächen, Störungen und erschreckende Weltsichten, dass es mir davon übel wird.

Meiner Meinung nach sind wir Menschen, die wir Tiere in unserem Leben haben wollen, dazu verpflichtet, unsere Tiere zu behüten und zu beschützen. Wir müssen dafür sorgen, dass sie, egal ob Schmusekatze, Milchkuh oder Zoopinguin, ein sicheres Leben führen können und nicht gerade deshalb, weil sie in unserer Nähe sind, in Gefahr für Leib und Leben geraten. Wenn wir das nicht hinkriegen, dann sollten wir die Tiere in ihren eigenen Lebensräumen und in Ruhe lassen.

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Ein Hauch von Nichts. Nichts anzuziehen.

 

Ein Hauch von Nichts. Nichts anzuziehen. In zwei großen Schränken. Und auf dem Korbstuhl zwischen den Schränken. Auf Bügeln an allen Schranktüren. An der kleinen Hängegarderobe hinter der Zimmertür und der auf der Seite vom Wäscheschrank. An der Flurgarderobe neben der Wohnungstür, die so voll ist, dass sich die Tür nur zur Hälfte öffnen lässt.

Meine ganze Bude ist voll mit Klamotten und ich habe nichts anzuziehen. In diversen Formen, Farben und Größen. Für alle Gelegenheiten und leicht zu kombinieren. Nur für die Opernpremiere heute ist nichts dabei und wo, zum Geier, ist das schwarze T-Shirt, das die richtige Länge für diese Hose, naja, eigentlich für jede Hose hat?

Ich habe mindestens hundert schwarze T-Shirts. Klitzekleine und riesengroße. Tief ausgeschnittene,  dezente, rollkragige, gewickelte und völlig normale T-Shirts. Eng anliegende, locker fallende und die Figur umspielende. Und keins von diesen hundert T-Shirts hat die richtige Länge für diese Hose. Beziehungsweise für irgendeine Hose.  Vierzig schlabbern bis weit über den Hintern, vierzig enden weit über dem Bund und zwanzig können sich nicht entscheiden und sind auf einer Seite zu lang und auf der anderen zu kurz. Und das geht überhaupt nicht mit einer Hose, die nicht richtig passt. Beziehungsweise irgendeiner Hose.

Eigentlich würde ich ja viel lieber einen Rock anziehen. Früher habe ich oft Röcke getragen, das war voll mein Ding. Lange Röcke, kurze Röcke, enge Röcke, weite Röcke. Sie hängen alle noch im Schrank und keiner passt. Viel schlimmer: Ich müsste darunter eine Strumpfhose tragen. Erstens weil meine Beine im Rock ohne Strumpfhose viel zu schwabbelig sind und zweitens weil es draußen arschkalt ist und meine schwabbeligen Beine mit Gänsehaut so aussehen, dass Sie mich sofort im Tierheim abgeben wollen würden. Strumpfhosen gehen aber gar nicht. Sie schneiden am Bund ein, sind zu eng, zu kurz, schmeißen Falten am Knöchel (die noch schlimmer sind als meine schwabbeligen Knöchel), bekommen bei der ersten falschen Bewegung Laufmaschen und rutschen. Erst rutschen sie langsam von der Taille in Richtung Hüfte, dann, am dicksten Punkt (der Hüfte), wenn das Material aufs Äußerste gespannt ist, beginnen sie plötzlich, sich aufzurollen. Nach unten, was zur Folge hat, dass meine Hüfte oberhalb der abgerollten Strumpfhose wie ein sich öffnender Airbag unter Rock unter Oberteil nach oben springt. Das wiederum hat zur Folge, dass ich hektisch zum Klo renne und da die nächsten achteinhalb Minuten beschäftigt bin. Durchschnittlich alle halbe Stunde. Ein zusätzliches Höschen über der Strumpfhose – das wird in solchen Situationen ja gerne empfohlen – verhindert vielleicht (vielleicht!) das Rutschen, bringt aber einen weiteren einschneidenden Bund in meine Taillengegend und sorgt spätestens nach zwei Stunden dafür, dass ich mich sehr unwohl fühle und nach Hause will.

Also: Keine Strumpfhose. Infolgedessen auch kein Rock. Eine Hose muss es sein. Da die Temperaturen draußen um den Gefrierpunkt schwanken, kann ich zur Hose wenigstens vernünftige, flache Schuhe tragen. Mit warmen Socken drin. Die natürlich im Schuh nach unten rutschen und sich unterm Spann knäueln, sobald ich ein paar Schritte gehe. Die Hose muss also lang genug sein, so dass kein schwabbeliger Hautstreifen zwischen Hose und Schuh sichtbar wird. Weder in Bewegung noch im Sitzen. Zum Glück besitze ich einige Hosen in Überlänge, sie sind nicht leicht zu bekommen und ich hüte sie wie meinen Augapfel. Normalerweise. Im Moment weiß ich allerdings nicht genau, wo sie sind. Bis auf die eine, die ich gestern anhatte. Und vorgestern und vorvorgestern. Die hängt jetzt frischgewaschen auf der Wäscheleine und wird bis heute Abend nicht trocken sein.

Gut. Dann muss es eben die enganliegende schwarze Hose mit dem „Komfortbund“ sein. Die ist  unten am Knöchel so eng, dass sie nicht hochrutschen kann, deswegen wirkt sie länger, als sie eigentlich ist. Sie braucht aber ein weitgeschnittenes Oberteil, das auch nicht ganz kurz sein darf, weil der überambitionierte Designer der ansonsten ziemlich anständigen Hose an den Seiten zwei Reißverschlüsse angebracht hat, die ins Nichts führen. Taschen hat die Hose nicht, sie trügen auch sicher bei dem dünnen, glatten Material zu sehr auf. Aber eben Fake-Taschen mit Nicht-Fake-Reißverschlüssen, die zwar keinen tieferen Sinn haben, aber natürlich auch auftragen, so dass sie nach Möglichkeit vom Oberteil verdeckt werden sollten. Und mit dem überambitionierten Designer würde ich bei Gelegenheit gerne einmal kurz ein paar Worte wechseln.

Da die Hose unten am Bein sehr eng anliegt, werden meine Schuhe sichtbar sein. Ich sollte sie also wohl besser putzen. Denke ich jedes Mal, wenn ich die Hose anziehe, aber es ist noch nie passiert. Ich glaube, mir ist vor ein paar Jahren die Schuhcreme ausgegangen. Oder sie ist irgendwo in meiner Küche verschwunden. Wer weiß das schon?

Es fehlt also noch das Oberteil zur Hose. Lang genug, um die Peinlichkeiten in der Körpermitte zu überdecken, aber nicht zu lang und nicht zu raumgreifend. In Opernpremieren ist es eng und ich will auch nicht aussehen wie eine Babuschka, die verschiedene Looks übereinander trägt. Ein kurzes Kleid im Hängerstil, also A-förmig geschnitten, das wäre es. Ich besitze drölfzig Hängekleidchen – leider hat keines davon lange Ärmel. Also müsste wieder ein T-Shirt drunter oder ein Bolero-Jäckchen drüber. Moment, hatte ich nicht mal ein schwarzweißes Kleid mit Ärmeln? Wo ist das denn hingeraten? Ach richtig, zu dem Kleid habe ich keine Handtasche, die klein genug für die Oper ist. Warum fällt mir das immer erst ein, wenn es zu spät ist?

Ich schaue noch einmal in meinen Schrank, was da so an der Stange baumelt. Vielleicht hängt da ja genau das Teil, das ich mir gerade vorstelle, und ich habe nur vergessen, dass es das schon gibt?

An der Stange baumelt so einiges. Darunter leider wirklich nichts, was mir heute (oder irgendwann) mal weiterhelfen würde. Diverse Sommerkleidchen aus schlankeren Zeiten. Fast ebenso viele Zweimannzeltkleider aus fetteren Zeiten. Ein paar Teile aus Zeiten, in denen die Fashion Police offenbar noch nicht erfunden war – ich hoffe, es gibt keine Fotos von mir in diesen Klamotten! Ein schwarzer Indoor-Mantel, der zu allem passt und zu nichts wirklich gut aussieht. Ein schwarzes Kleid komplett aus durchsichtiger schwarzer Spitze, das ich offensichtlich mal für eine Fetischparty kaufte und dann doch nie trug, weil es mir viel zu spießig vorkam. Ob ich damit in die Oper könnte, wenn ich ein passendes Unterkleid finden würde? Ach nein, dann kämen wir wieder zum Strumpfhosenproblem und außerdem will ich ja, solange meine Haare in den Längen noch gefärbt und in den Ansätzen grau sind, keine so auffälligen Looks mehr präsentieren.

Was ist das? Hey, wieso hatte ich das denn vergessen? Ein langärmeliges schwarzes Kleid mit grauen Einsprengseln und harmlosem Ausschnitt, bequem aber nicht zeltartig geschnitten, leichte A-Linie, geht sowohl mit Strumpfhosen als auch über einer richtigen Hose! Warum habe ich das eigentlich so lange nicht mehr angehabt? Ach ja, das Kleid hatte ich bei der Beerdigung meines Vaters an und danach schien es mir nie wieder für irgendeinen Anlass passend. Aber die Beerdigung liegt ja nun auch schon über ein Jahr zurück und irgendwie wäre es schade, das Kleid nie mehr zu tragen.

Ich hänge das Kleid mal außen an den Schrank, damit ich es nicht wieder vergesse. Ansonsten ist hier weit und breit nichts zu sehen, was mir heute weiterhelfen würde. Vielleicht sollte ich diesen ganzen Kleiderschrank einfach wegschmeißen? Mit allem, was drin ist?

Habe ich denn noch einen Schal, der zu einem schwarzgrauen Kleid passt und nicht aussieht, als hätten Katzen oder Motten damit ein Nest gebaut? Oh Gott. Möglicherweise scheitert der Look auch daran, dass mein schwarzgrauer Wollschal ein Loch hat und der graue Baumwollschal Fäden zieht! Geht Dunkelrot auch? Eigentlich geht Dunkelrot doch immer – und es stellt eine Verbindung zu Brille und Handtasche her.

Hey, ich habe einen Plan. Anprobieren werde ich das Kleid, damit mir die Tatsache, dass ich eine Opernpremiere besuchen muss, nicht den ganzen Tag verdirbt, erst etwa zwanzig Minuten, bevor wir nachher aus dem Haus müssen. Wenn es dann nicht passt oder nicht aussieht oder sich nicht kombinieren lässt, dann ziehe ich halt das Fetischkleid ohne Unterkleid an, dafür aber mit Katzenmaske vor dem Gesicht. Oder das gerade geschnittene schwarze Tülldingsi, das man einfach über das T-Shirt stülpt und das alles irgendwie aufwertet. Ja, genau das, das ich bei der letzten Premiere auch getragen habe. Und bei der vorletzten. Ein Hauch von Nichts. Nichts anzuziehen.

 

 

 

 

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Von Katzen und Sofas und anderen Schwierigkeiten.

Wir sind schon ganz aufgeregt, denn morgen kommt das neue Sofa. Aufgeregt weil das Liefer-Zeitfenster „7 bis 14 Uhr“ so viele Möglichkeiten mitbringt, die Annahme der Lieferung zu verkacken. Aufgeregt aber auch, weil die Anschaffung eines neuen Sofas eben eine große Sache ist. Schließlich werden wir viel Zeit mit diesem neuen Möbelstück verbringen, wir werden auf ihm essen, schlafen, schmusen, fernsehen, twittern, Katzenstreu und Kackspuren hinterlassen (manche von uns), essen, Blogartikel schreiben (andere manche von uns), schlafen, Candy Crush spielen, auf die Straße rausschauen, essen, über das Leben philosophieren und darüber nachdenken, ins Bett zu gehen. Ach, und sagte ich schon essen?

Ein bisschen traurig sind wir auch, denn die Spedition, die am Montag zwischen 7 und 14 Uhr vielleicht jemanden von uns antrifft, wird nicht nur das neue Sofa bringen, sondern auch das alte Sofa mitnehmen. Und das, obwohl das alte Sofa wirklich hübsch und nett ist… und erst drei Jahre alt. Aber es ist auch durchgesessen (wahrscheinlich, weil die Katzen zu dick sind) und außerdem ist es an den Seiten völlig zerkratzt, weil wir (also: manche von uns) es etwas zwölfmal täglich mit dem danebenstehenden Kratzbaum verwechseln. Na ja, und außerdem riecht es etwas nach Curry, nachdem wir (also, die anderen manchen von uns) kürzlich in einer aufsehenerregenden Slapsticknummer größere Mengen Palak Paneer und Chicken Madras drübergekippt haben.

Wir waren uns also darüber einig, dass ein neues Sofa angeschafft werden muss, und manche von uns waren einige Male in einschlägigen Geschäften, um ein passendes Modell auszuwählen. Das stellte sich als gar nicht so einfach heraus, denn in unserem neuen Sofa müssen sich einige nicht unbedingt immer gleichzeitig auftretende Merkmale miteinander vereinen:

  • Es muss genug Platz für zwei große Menschen und zwei kleine, aber sehr raumgreifende Katzen bieten.
  • Es muss in ein ziemlich kleines Wohnzimmer passen.
  • Der größere Mensch muss ohne Rückenschmerzen darauf sitzen können.
  • Der Sofabezug muss halbwegs unempfindlich gegen Katzenkrallen sein und darf sich nicht sofort auflösen (nein, Microfaserzeug ohne Fäden, das aussieht und sich anfühlt wie ein zu groß geratenes Wileda-Fensterputztuch, ist keine Option).
  • Das Sofa muss breite Arm- und Rückenlehnen haben, auf den eine Katze rumwandern oder auch rumliegen kann.
  • Das Sofa darf nicht aussehen, riechen oder schmecken wir ein Kratzbaum.
  • Der kleinere, aber breitere Mensch muss vom Sofa hochkommen, ohne dabei einen Flaschenzug oder das Technische Hilfswerk zu brauchen.
  • Alle Beteiligten (vor allem ich) müssen das Sofa hübsch finden.
  • Das Sofa darf nicht so teuer (oder so hübsch sein), dass man sich nicht in drei bis fünf Jahren, wenn die Katzen es komplett zerrupft haben, ein neues kaufen kann, ohne sehr lange darüber zu weinen.

Alle meine bisherigen Sofas stammten von Ikea. Das letzte (das Modell „Kivik“, das jetzt ausgetauscht wird) fand ich sogar ausgesprochen schön und am Anfang ziemlich bequem. Leider war das Erinnerungsvermögen des Memory-Schaums etwas zu gut und – vermutlich weil er praktisch veranlagt war – nach kurzer Zeit behielt er die Abdrücke, die wir beim Sitzen in den Kissen hinterließen, dauerhaft bei. Also hatte mein Freund nach längerem Sitzen grundsätzlich Rückenschmerzen und ich kam nach längerem Sitzen nicht mehr hoch, blieb infolgedessen noch länger sitzen und machte die Abdrücke noch tiefer.

Trotzdem bestand ich darauf, dass wir uns zunächst wieder bei Ikea nach einem neuen Sofa umsahen. Schließlich habe ich in den letzten dreißig Jahren den größten Teil meiner Möbel dort gekauft – und mit den meisten dieser Möbel war bzw. bin ich auch sehr zufrieden. Alle anderen großen Möbelgeschäfte in und um Hamburg gefallen mir nicht und ich habe, obwohl ich in jedes auch schon mindestens einmal gezwungen wurde („Das sind doch nur Vorurteile! Schau dir die große Auswahl doch wenigstens mal an!“), dort noch nie etwas gefunden, was ich hätte kaufen mögen.

In der Sofaabteilung von Ikea merkten wir schnell, dass dieser Sofakauf nicht ganz so einfach sein würde. Mit dem Memoryschaum waren wir fertig, so viel stand fest. Damit kam ungefähr die Hälfte des Sortiments nicht mehr für uns in Frage. Ebenfalls aus der engeren Wahl fielen sofort alle Sofas  mit geschwungenen Füßen und Bezügen, die aussehen wie Hussen. Ebenso nicht in Frage kamen alle Modelle, die aussahen wie ein gestrandeter Wal, auf dem Moos wächst (in moosunüblichen Farben). Nach kurzem Quer-durch-die-Abteilung-sitzen gab es nur ein Sofa, das wir noch nicht von der Liste der möglichen Kandidaten gestrichen hatten: Nockeby. Das saß sich ganz okay, hatte hässliche, aber gerade Füße und war preislich im Rahmen des Machbaren. Mich störte zwar ein optisches Ungleichgewicht zwischen Korpus und Füßen und außerdem hatte ich den Eindruck, dass die Taschenkernfederung leichte Beulen in den Sitzkissen entstehen ließ, aber ansonsten ließ sich gegen dieses Sofa nicht viel sagen. Außer: Wir sind noch nicht hundertprozentig überzeugt, also gucken wir eben doch in anderen Geschäften nach deren Angebot.

Wir begannen in einem kleinen Laden in Hamburg-Barmbek (der zu einem großen Laden in Barsbüttel, also vor der Stadt, gehörte. Dieser Laden wirbt mit der kleinstmöglichen Rundeckgarnitur und auch sonst mit vielseitigen Sofalösungen für kleine Wohnzimmer. Eine Rundeckgarnitur kam für mich auf keinen Fall in Frage, aber es gab in diesem Geschäft – vereinzelt! – auch Sofas ohne Kurve und ohne eingebaute Recamière (die ich auch nicht wollte). Sehr kreative Lösungen, die auch ihren Preis haben – so war schnell klar, dass ich hier kein Sofa kaufen würde. Trotzdem setzen wir uns probehalber auf das eine oder andere Ausstellungsstück. Just for fun and practice. Böser Fehler, denn diese Sofas saßen sich so genial, dass wir nun vermutlich für immer verdorben für einfache und mittelklassige Sofas sind. Tja.

Die nächste Station unserer Tour war ein großes Sofa- und Bettengeschäft („PolsterWelten“) in Hamburg-Wandsbek, weil mein Freund sich erinnerte, hier in einem anderem Leben mal günstig ein gutes Sofa erworben zu haben. Ich kenne das Sofa, es ist wirklich gut, also ließ ich mich, obwohl die „PolsterWelten“ mich nicht wirklich lockten, darauf ein, mich hier einmal umzuschauen. Mein Rat an alle unter Ihnen, die mit dem Gedanken liebäugeln, dieses Geschäft einmal zu betreten: Tun Sie das nicht, außer Sie suchen neuen Stoff für Ihre Alpträume! Eine Ansammlung hässlicher, unbequemer und überteuerter Sofas: Auf drei Etagen und drölfzigtausend Quadratmetern gab es nicht ein einziges Sitzmöbel, das ich auch nur entfernt in Erwägung gezogen hätte. Auch mein Freund war entsetzt, vor allem darüber, dass man eine große Runde durch den ganzen Laden drehen musste (verfolgt von einem Verkäufer in einem Sakko, das aussah wie eine Pferdedecke), bis man endlich den Ausgang erreicht hatte. Schockschwerenot.

Zurück zu Ikea, dachten wir. Da stand ja Nockeby, gegen das eigentlich nicht viel zu sagen war. Tja. Das war vor dem Probesitzen in Barmbek. Nun kam uns Nockeby lasch und rückenunfreundlich vor. Leicht verzweifelt wanderten wir von Sofa zu Sofa und saßen Probe. Nichts konnte unseren frisch justierten Ansprüchen auch nur halbwegs genügen. Bis wir – weil es nun auch darauf nicht mehr ankam – bei Vallentuna landeten. Vallentuna ist kein Sofa, sondern ein Modulsystem und wird von Ikea so beworben, dass wir uns von Anfang nicht als Zielgruppe gefühlt hatten.

Die Zielgruppe von Vallentuna sind – so dachten wir – Menschen, die erstens nicht richtig Deutsch können („Entwerfe das perfekte Sofa!“) und zweitens nicht in der Lage sind, aus selbst ausgewählten Einzelteilen etwas zu konstruieren, was auch nur entfernt wie ein Sofa oder gar hübsch aussieht. Bei Vallentuna kauft man wirklich jedes Sitzelement, jede Arm- und Rückenlehne und jedes Kissen einzeln und baut sich daraus dann, was man möchte. Das Prinzip Lego also. Wobei weder in der Ikea-Filiale Hamburg-Altona noch auf der Website schon mal jemand auf die Idee gekommen zu sein scheint, aus den Einzelteilen einfach ein normales Sofa zu bauen. Stattdessen baut man trendige Sitzlandschaften mit an allen Seiten herausragenden Einzelteilen und mit Lehnen in der Mitte. Natürlich in einem höchst modernen Farb- und Mustermix. Wir hatten auf diesen Sitzlandschaften bisher nicht einmal probesitzen wollen.

Bei unserem zweiten Ikea-Besuch waren wir allerdings nicht in Altona, sondern in Moorfleet, weil wir ja von den AlptraumPolsterWelten in Wandsbek aus weitergereist waren. Und in Moorfleet hatten sie aus den Vallentuna-Einzelteilen einfach ein schlichtes dreisitziges Sofa zusammengebaut – und damit sicher nicht den Preis für raffinierte Präsentation gewonnen. Aber uns, denn nun nahmen wir das Modulsystem immerhin als Sofavariante wahr und nahmen erschöpft Platz. Und schauten uns verblüfft an, denn Vallentuna war bequem. Viel bequemer als alle anderen Sofas, die wir bisher bei Ikea ausprobiert hatten.

Wir gingen unsere Liste mit Bedingungen an das neue Sofa durch. Den Punkt „hübsch“ konnten wir nur bedingt ankreuzen, den Punkt „Arm- und Rückenlehnen breit genug für die Katzen“ gar nicht. Die Lehnen bei Vallentuna sind sehr schmal. Aber die Taschenfederkern-Sitzflächen saßen sich einfach verdammt gut, das Sofa war klein genug für mein Wohnzimmer und groß genug für uns. Bezahlbar war es auch. Und es gab einen Bezug namens „Orrsta“. Orrrrsta. Orrrrrrrrsta. Ich betrachtete das als Zeichen.

Wir kauften das Sofa und morgen wird es geliefert (voraussichtlich in etwa tausend Einzelteilen). Das alte Sofa nimmt die Spedition dann gleich mit. Wie ich den Katzen die Sache mit den dünnen Armlehnen erklären soll, weil ich noch nicht genau. Vielleicht kaufe ich ihnen einfach noch ein paar Extrakissen. Außerdem haben wir vereinbart, das Sofa in Gegenwart der Katzen grundsätzlich „Wal and Tuna“ zu nennen, vielleicht gefällt ihnen das ja. Mal sehen, wie lange sie brauchen, um die Bezüge zu zerkratzen. Und wie lange wir brauchen, um die Taschenfederkernpolsterung zu ruinieren. Halten Sie uns die Daumen, dass es diesmal länger dauert als drei Jahre, ja? Vielen Dank.

 

 

 

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Ein Notfall in der Oper.

Ein Notfall in der Oper oder: Wenn für ein dreiaktiges Umbesetzungsdrama keine Zeit bleibt.

Opernsänger sind eine sehr eigene Spezies. Die Ausübung ihres Berufes hängt voll und ganz davon ab, dass Körper und Seele die notwendigen Komponenten, also vor allem die Stimme, im entscheidenden Moment bereitstellen und im Idealfall jederzeit abrufbar machen. Opernsänger tragen ihr Instrument immer mit sich herum, sie können es nicht – weil das Wetter nicht stimmfreundlich ist oder weil sie sich mal eine Nacht ohne Schlaf und mit viel Alkohol um die Ohren hauen wollen – zu Hause in den Schrank packen und unbekümmert losziehen.

In dieser Hinsicht sind Opernsänger vor allem mit Leistungssportlern zu vergleichen, die ja auch mehr oder weniger ihr ganzes Leben auf ihren Sport und idealerweise regelmäßige Höchstleistungen ausrichten. Opernsänger müssen nach Plan essen und schlafen sowie ihr Liebesleben und soziale Kontakte mit ihrem Beruf abstimmen. Ihr Tag wird durch Proben und Rollenstudium, eventuelle Reisen und vor allem natürlich durch Vorstellungen strukturiert.

Opernsänger sind im Allgemeinen sehr gut organisiert, jedenfalls, wenn sie den Beruf über eine längere Zeit gesund und erfolgreich ausüben wollen. Sie wissen, was sie benötigen und was sie vermeiden sollten. Was sie sich erlauben können und wann sie streng und diszipliniert mit sich selbst umgehen müssen. Sie kennen sich selbst sehr gut, haben ihre Tricks im Umgang mit aufziehenden Erkältungen oder Rückenschmerzen, der Medizinschrank in ihrem Bad ist eventuell größer als ihr Kleiderschrank und einige von ihnen sind mit dem Hals-Nasen-Ohren-Arzt nebenan per Du.

Opernsänger sind normalerweise sehr professionell; ihnen ist bewusst, dass so ein Opernabend nur durch das reibungslose Zusammenspiel sehr vieler Menschen und Kollektive tatsächlich so über die Bühne geht, dass das Publikum später mit dem Gefühl nach Hause geht, einem einmaligen Event beigewohnt zu haben. Opernsänger sind große Künstler, wenn es darum geht, sich mit einer Erkältung nicht anzustecken. Fast immer. Aber natürlich – wie im wirklichen Leben – erwischt es irgendwann eben doch auch den Tenor im Ganzkörperkondom und die Altistin, die schon seit zwölf Jahren niemandem mehr die Hand geschüttelt hat.

Opernsänger sind daran gewöhnt, das Opernhaus, an dem sie gerade arbeiten, über ihren Gesundheitszustand ständig auf dem Laufenden zu halten und beim ersten Kratzen im Hals eine prophylaktische Vorwarnung auszusprechen. Auch wenn noch keineswegs sicher ist, dass aus dem Kratzen wirklich eine Erkältung wird und dass diese auch tatsächlich „auf die Stimme geht“, ist es wichtig, dass das Theater die Gelegenheit bekommt, sich zu überlegen, was es im Fall der Fälle denn tun will.

Es gab vor ein paar Tagen einen sehr interessanten Blogpost der Bayerischen Staatsoper, in dem genau geschildert wird, wie ein großes Opernhaus mit einer angekündigten und sich dann auch realisierenden Sängerabsage umgeht: Umbesetzungen. Ein Drama in 3 Akten.

Ganz wichtig ist, dass dieses Drama jeden Opernsänger mal trifft: Mal ist er der Baum, mal ist er der Hund. Will sagen: Mal wird er krank und muss eine Vorstellung absagen und mal ist er der Sänger, der gebeten wird, für einen anderen Sänger in einer Vorstellung einzuspringen. Dieses Bewusstsein sorgt im Allgemeinen dafür, dass man verantwortungsvoll und kollegial miteinander umgeht und sich das Sängerleben gegenseitig nicht schwerer als unbedingt nötig macht.

Man hält sich an die Regeln, vor allem an die, dass man, wenn man abends eine Vorstellung zu singen hat, schon am Morgen nach dem Aufstehen überprüft, ob die Stimme gut geschlafen hat und „da ist“ (okay, die meisten Sänger überprüfen das auch an allen anderen Tagen). Sollte in dieser Hinsicht ein Zweifel bestehen, dann muss man handeln. Je nachdem, was man in früheren Situationen als hilfreich empfunden hat: Erstmal duschen und Kaffee trinken, dann richtig einsingen. Oder gurgeln, beten und richtig einsingen. Noch eine Stunde schlafen, beten, einsingen. Gymnastik machen. Salbeitee trinken. Geheime Mittelchen zur Anwendung bringen. Wasser trinken. Denken: Es ist ja auch noch sehr früh, das wird schon. Den Hals-Nasen-Ohren-Arzt des Vertrauens anrufen oder direkt hingehen. Das Künstlerische Betriebsbüro im Opernhaus anrufen. Und zwar vor zwölf Uhr.

Zwölf Uhr. Der magische Zeitpunkt. Der Zeitpunkt, bis zu dem Opernsänger ihre Zweifel, am Abend auftreten und/oder singen können, beim Opernhaus anmelden dürfen. Wer nach zwölf nicht zumindest ein drohendes „Ich gehe jetzt zum Arzt!“ kommuniziert hat, möge für immer schweigen, bis der Dirigent ihm am Abend den ersten Einsatz gibt.

Wenn bis zwölf Uhr kein in der Abendvorstellung geplanter Sänger angerufen hat, atmen die Mitarbeiter des Künstlerischen Betriebsbüros – kurz KBB – einmal tief durch, um sich anschließend ihren tausend anderen Aufgaben zuzuwenden. Nicht in der Abendvorstellung geplante Sänger, die aber in der Lage wären, im Falle einer Kollegenabsage eine Partie in der Vorstellung kurzfristig zu übernehmen, atmen ebenfalls tief durch und gehen davon aus, dass sie diesen Tag nun selbst gestalten dürfen (sofern sie nicht gerade in Proben für eine andere Produktion stecken, natürlich).

Aber… werden Sie sagen…. Aber was ist denn, wenn nun ein Opernsänger nach zwölf Uhr krank wird? Tja, wird Ihnen der Leiter des Künstlerischen Betriebsbüros erwidern, dann sollte er besser gleich einen Anwalt mitbringen. Was sich in der Praxis als nicht haltbar erweist, aber doch die meisten Opernsänger davon abhält, sich kurz vor der Vorstellung wegen einer überraschend aufgetretenen Erkältung oder eines anderen eher nicht dramatischen Mimimi krank zu melden. Natürlich kann man auch zwischen zwölf Uhr und dem Beginn der Vorstellung krank werden oder die Treppe runterfallen oder auf dem Weg ins Theater in einer Schneewehe steckenbleiben… aber gegen siebzehn Uhr anrufen und erwähnen, dass man sich schon morgens merkwürdig gefühlt habe, kommt eher nicht gut an.

Auch sind Opernsänger im Normalfall pünktliche Menschen. Sie kommen rechtzeitig vor der Aufführung ins Theater, um zur verabredeten Zeit in die Maske zu gehen, ihr Kostüm anzuziehen, sich noch einmal einzusingen, ein Schwätzchen mit den Kollegen zu halten oder geheimnisvolle Vorbereitungsrituale zu vollziehen, die sehr individuell sein und sehr wichtig sein können. Allerspätestens kommen sie, das ist Theatergesetz, eine halbe Stunde vor dem Spielabschnitt, in dem sie dran sind, ins Haus. Wer zu diesem Zeitpunkt nicht da ist und sich auch nicht gemeldet hat, um zu sagen, dass er zwar noch im Stau steht, das Opernhaus aber schon sehen kann, löst quasi Alarm aus und eine Menge Menschen, die für den reibungslosen Ablauf des Abends zuständig sind, geraten in Unruhe und Aktion. Aber selbst, wenn alle Sänger gut ausgeschlafen und pünktlich im Theater eingetroffen sind, kann noch immer etwas schiefgehen. So wie letzten Dienstag.

Auf dem Programm stand „Die Hochzeit des Figaro“ von Mozart, besetzt fast vollständig mit Sängern aus dem hauseigenen Ensemble der Staatsoper. Für fast alle Partien in diesem Stück gibt es im Ensemble sogar zwei Sänger, die Musik, Text und Regie gut genug kennen, um jederzeit einspringen zu können. Was sehr nützlich ist, denn in dieser Jahreszeit fällt fast jeden Abend irgendwer wegen einer Erkrankung der Atemwege (also Husten, Schnupfen, Heiserkeit) aus.

Am Dienstagabend war der Kollege W. als Figaro geplant. Er hatte auch schon die beiden vorigen Aufführungen gesungen, eine geplant und die anderen kurzfristig, weil der ursprünglich vorgesehene Kollege A. wegen einer heftigen Erkältung hatte absagen müssen. A. war in dieser Woche in Proben für eine andere Aufführungsserie, hatte aber am Dienstagabend frei und war froh, mal einen Abend nicht ins Theater zu müssen. Da sich bis zwölf Uhr niemand bei ihm gemeldet hatte und es nun schon fast sieben Uhr (Vorstellungsbeginn) war, wähnte er sich auf der sicheren Seite, machte sich sein Abendessen und freute sich auf einen ruhigen Abend.

Was A. nicht wusste: W. war überpünktlich ins Theater gekommen, fühlte sich aber nicht besonders gut. Irgendwie war sein Kreislauf lahm, seine Augen fühlten sich merkwürdig an und insgesamt kam er sich vor wie unter einem Berg Watte. Er hatte sich brav eingesungen und war in die Maske gegangen, hatte aber auch im Künstlerischen Betriebsbüro angerufen, um dort darum zu bitten, vor der Vorstellung doch noch kurz den Theaterarzt bei ihm vorbeizuschicken.

Als W. um den Besuch des Arztes bat, war dieser noch gar nicht im Haus. Mein Kollege T. aus dem KBB hatte aber eine Telefonnummer und rief den Arzt, der an diesem Abend eine Ärztin war, an und bat, möglichst früh ins Theater zu kommen und sich dann direkt zu W. bringen zu lassen… „mal gucken, er hat ein bisschen Kreislauf, vielleicht reicht ja dann doch eine Cola, um ihn wieder in Gang zu bringen…“ Dasselbe erzählte er auch rein prophylaktisch A., den er kurz zu Hause anrief, um sicherzustellen, dass dieser im Notfall erreichbar war.

Eine Cola und die Versicherung eines Arztes, dass eigentlich alles gut ist, reichen meistens, aber nicht an diesem Abend. Die herbeigeeilte Theaterärztin brauchte erstaunlich lange zur Untersuchung von W. Es war bereits fünf nach halb sieben, als T. vom KBB, der die Ärztin in die Sängergarderoben gebracht hatte, wieder nach oben gerast kam (hechelnd, denn unsere Büros sind sehr weit von der Bühne und den Garderoben entfernt), um uns mitzuteilen, dass die Ärztin W. sehr ernsthaft davon abgeraten hatte, die Vorstellung zu singen. Angesichts seiner Symptomatik riet sie ihm sehr dringend dazu, sich sofort im Krankenhaus untersuchen zu lassen, um einen Herzinfarkt oder Schlaganfall ausschließen zu lassen!

T. hechtete sofort ans Telefon, um A. zu aktivieren bzw. zu überreden, sofort und ohne Umwege ins Theater zu kommen. Ich orderte währenddessen schon das Taxi zu ihm nach Hause. Während T. dann – es war mittlerweile viertel vor sieben – alle Abteilungen darüber informierte, dass die Vorstellung mit Verspätung beginnen müsse und mit einem anderen Sänger in der Titelpartie (was natürlich vor allem für Kostüm und Maske eine extrem wichtige Information war), ging ich nach unten zum Bühneneingang, um A. in Empfang zu nehmen und auch zu schauen, was jetzt mit W. war.

Am Bühneneingang, auf Treppen und in Gängen herrschte eine große Unruhe. Natürlich hatten die Kollegen aller Abteilungen mitbekommen, dass etwas nicht in Ordnung war, aber niemand wusste genau, was los war. Der Krankenwagen vor dem Haus beruhigte die Gemüter auch nicht gerade. Ich beschwichtigte mit nichtssagenden Worten und war froh, als A. genau um sieben um die Ecke kam und ich mich verdrücken konnte. Eine schnelle Nachricht an T., der die Info weiterverteilte und dann mit den zuständigen Kollegen die Beginnzeit auf halb acht verlegen. Das musste natürlich dem Publikum, das bereits im Zuschauerraum saß und auf den Beginn der Vorstellung wartete, mitgeteilt werden.

Ich war mittlerweile zu W. vorgedrungen, der wie ein Häufchen Elend zwischen zwei Rettungssanitätern in seiner Garderobe saß. Ein Häufchen Elend mit Make-up im Gesicht und einer mit Noten und anderen musikalischen Zeichen geschmückten Kniebundhose. Und einer Infusion. Da W. an diesem Abend keine Verwandten oder Freunde mit im Theater hatte, bot ich ihm an, ihn ins Krankenhaus zu begleiten. Er freute sich. Die Sanitäter waren allerdings schon dabei, ihn einzupacken und abzutransportieren, und ich musste noch aus meinem weit entfernten Büro Handtasche und Jacke holen. Also folgte ich dem Krankenwagen dann fünf Minuten später mit dem Taxi, nachdem ich T. und einigen anderen Kollegen versprochen hatte, sie zu informieren, sobald es Erkenntnisse zum Gesundheitszustand von W. gab.

Bis ich mich im Krankenhaus in die Notaufnahme durchgekämpft hatte, war es bereits fast halb acht und ich wusste, dass im Opernhaus jetzt gerade die Vorstellung begann. Natürlich nach einer erklärenden Ansage für das Publikum, das ja wegen der Verspätung getröstet werden musste und auch darüber informiert wurde, dass der Held der Stunde, A., ohne den dieser Abend sang- und klanglos hätte ausfallen müssen, selbst auch etwas angeschlagen war. Das Publikum ist in solchen Momenten übrigens immer ganz großartig und feiert heldenhafte Einspringer frenetisch – ganz unabhängig davon, ob sie an diesem Abend große oder eher mittelgroße Leistungen abliefern.

„Ich möchte zu W.“, erklärte ich der Dame an der Anmeldung der Notaufnahme.

„Hm“, erwiderte sie. „Den Namen habe ich hier noch gar nicht.“

„Er ist gerade direkt aus der Staatsoper eingeliefert worden…“

„Staatsoper? Ist er geschminkt?“ unterbrach sie mich. „Den habe ich gesehen!“

W. war gut angekommen und direkt in ein Behandlungszimmer verfrachtet worden. Ich nahm im Wartezimmer Platz, schrieb eine erste Nachricht an die Kollegen und hoffte einfach mal das Beste!

Der Abend ging gut aus:
W. bekam keine schlimme Diagnose, sondern erfuhr, dass er zum ersten Mal im Leben Opfer einer „Migräne mit Aura“ geworden war. Die Symptome vor allem der Aura können denen eines Schlaganfalls sehr ähnlich sein. Insofern war die Empfehlung der Theaterärztin, die Vorstellung nicht zu singen, sondern lieber ins Krankenhaus zu gehen, völlig richtig. (Wenn ein Opernsänger erst einmal auf der Bühne ist und ordentlich Adrenalin ausschüttet, ist es nicht sicher, dass er sich verschlimmernde Symptome überhaupt bemerken würde.) Es ging ihm schon später am Abend wieder gut, obwohl er ziemlich erschöpft war.
A. hat die Vorstellung tapfer bis zum Ende durchgehalten. Auch er war dann ziemlich erschöpft. Am nächsten Morgen bekam er beim Arzt eine Krankschreibung für den Rest der Woche, so dass wir ihn in der Vorstellung am Samstag umbesetzen mussten (ein Klacks mit so viel Vorlauf!). Er war aber sehr froh, dass er uns die Aufführung hatte retten können, und auch ein bisschen stolz auf sich.
Das Publikum kam an diesem Abend eine halbe Stunde später nach Hause (was bei einem so „langen Lied“ wie Figaro schon von Bedeutung ist). Es beklatschte die Aufführung und vor allem A. aber sehr freundlich. Ich glaube, das Publikum freut sich immer ein bisschen, wenn etwas Außergewöhnliches geschieht und es ein bisschen mehr über die Hintergründe und „Interna“ erfährt. Das Publikum ist nämlich im Großen und Ganzen menschlich.
T., die anderen Kollegen auf unter hinter der Bühne und ich waren heilfroh. Erstens, dass der Lappen am Dienstagabend dann doch hochgehen konnte. Zweitens, dass niemand ernsthaft krank war. Drittens, dass in solchen Momenten an unserem Haus doch immer alle Beteiligten an einem Strang ziehen und zu Höchstleistungen auflaufen, egal ob sie sich sonst immer lieb haben oder nicht. Ja, auch hinter und neben der Bühne wird Adrenalin produziert, und das nicht zu knapp. Und das muss an einem Opernhaus auch so sein, sonst könnte man nämlich auch einen anderen Job und pünktlicher Feierabend machen.

 

 

 

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Fifty Shades of „In Würde grau werden“

„Solange das größte Problem am Älterwerden für mich ist, dass ich graue Haare bekomme, geht es mir auf jeden Fall noch gut.“ Dieser irgendwann mal rotzig hingeworfene Spruch ist schon seit Jahren meine Maxime und gilt noch immer. Jedoch, ich muss es gestehen, das Grauwerden ist ein nicht unerhebliches Problem geworden – und keines, dass mit der Zeit irgendwie kleiner würde.

Meine Originalhaarfarbe hat schon seit knapp drei Jahrzehnten niemand mehr gesehen, schätze ich. Schon mit Anfang Zwanzig, als vereinzelt auftretende graue Haare in meinem ansonsten farblich unauffälligen brauen Wuschelschopf auftraten, färbte ich mir (und einem großen Teil meines Badezimmers) mit Henna einen Rotstich. Später dann wurde das Henna durch eine benutzer- und kachelfreundlichere Tönung aus dem Drogeriemarkt ersetzt, mit der ich lange Zeit ganz gute Erfolge erzielte.

Bis ich eines Tages, vielleicht vor 15 Jahren, bemerkte, dass die einfache Schaumtönung die mittlerweile mehr als vereinzelt vorhandenen weißen Haare nicht in den Tönen „Elegie in Kastanienrot“ oder „Auberginenpfannesinfonie“ färbte, sondern in einem schnöden „Orange“ hinterließ, das sich von den dunklen satten Farben der restlichen Haare doch stark und nicht unbedingt schön abhob.

Von diesem Moment an legte ich die Zuständigkeit für meine Haarfarbe ebenso wie die für den Haarschnitt in die Hände der Friseurin meines Vertrauens, die mir bereits in vielen kleinen und größeren Schritten zu einem kurzen lockigen Bob verholfen hatte, der gut zu mir passte und nicht allzu pflege- und stylingintensiv war. Mit Hilfe ihrer geheimen Mittelchen und Substanzen war der Pumuckl-Anteil auf meinem Kopf schnell ausgemerzt und ich machte mir weiter keine Sorgen um das, was unter der schützenden Farbschicht auf meinem Kopf geschah.

Bis die Friseurin meines Vertrauens eines Tages sagte: „Du hast vorne aber ganz schön viel Grau. Ich glaube, eine Tönung reicht da nicht mehr. Wir sollten da eine richtige Coloration draufmachen.“ Ich erschrak kurz, aber die Versicherung der Expertin, dass das Färben meinen Haaren nicht schaden würde und dass sie auch auf großen Teilen meines Kopfes noch nicht notwendig sei, weil der Grauanteil am Hinterkopf und an den Seiten weit geringer sei, beruhigte mich schnell wieder. So färbten wir dann jahrelang den Haaransatz und drumherum, der Rest kam weiterhin mit einer schlichten Tönung aus. Wie der Effekt, dass meine Haare nicht grau aussahen, zustande kam, war mir weitgehend egal. Entscheidend war, dass meine Haare nicht grau aussahen.

Auch der Tag, an dem die Friseurin meines Vertrauens mich darauf hinweis, dass der Grauanteil sich auch am Hinterkopf vergrößert habe und sie ab sofort auch dort mit richtiger Farbe arbeiten würde, schockierte mich nicht. Außer der Friseurin und mir wusste ja niemand, dass meine jugendlich-dynamische Haarfarbe inzwischen weit mehr Geld und Mühe kostete als früher. Aber sie sah gut aus und das war entscheidend.

Wie gesagt: Wie meine Haare unter der Farbe aussah, wusste zu dem Zeitpunkt schon lange keiner mehr. Und es war auch egal. Dachte ich. Bis ich feststellte, dass meine Haare zu schnell wuchsen und sich zwischen den Friseurbesuchen alle acht Wochen am Scheitel und an der Stirn ein Ansatz bildete, der sehr deutlich viel heller (um nicht zu sagen: farbloser) war als der Rest meines Schopfes. Nun wohnen auf meinem Kopf ja alle Arten von Locken, Krausen und Wirbeln und die Haare liegen selten brav in Reih und Glied, sondern sie wuscheln so rum oder wellen sich freundlich, je nach Tagesform. Der Ansatz war also nicht sehr sichtbar, schon gar nicht für andere Menschen. Mich aber störte er zunehmend, vor allem bei Kunstlicht, wie es zum Beispiel in den Aufzügen an meinem Arbeitsplatz, die natürlich zu allem Überfluss auch noch voll verspiegelt sind.

Es begann also die Zeit der Zwischenfärbungen mit sogenannten Ansatzssets: Das ist eine kleine Menge schnell einwirkende Farbe (die es in vier Tönen, nämlich Hell, Mittel, Rötlichbraun und Dunkel gibt), die mit einem Pinsel aufgetragen wird und das Grau kaschiert. Zunächst genügte ein Ansatzset zwischen zwei Friseurbesuchen, ungefähr nach vier Wochen. Dann wurden es zwei, später drei. Dann verkürzte ich die Zeit zwischen den Friseurbesuchen auf sechs Wochen.

Trotzdem veränderte sich das Verhältnis zwischen Tagen, an denen ich mit meiner Haarfarbe zufrieden war, und den Tagen, an denen ich dachte: „Oh, verdammte Scheiße, so kann es nicht weitergehen!“ Gravierend. Zu meinen Ungunsten. Die Momente, in denen ich nur eine Farbe auf dem Kopf hatte (und zwar die, die ich haben wollte), wurden kürzer und seltener. In der restlichen Zeit sah man einen grauen Ansatz, dunkelbraune Längen und dazwischen so eine Art Niemandsland, einen etwa einen Zentimeter breiten Streifen in dem Rötlichbraun Orangerot des Ansatzsets (früher bezeichnete man Menschen mit dieser Haarfarbe als Pumuckl oder Pippi Langstrumpf, heute als Trump-Anhänger und gemeingefährlich).

Vor ungefähr vier Jahren sprach ich zum ersten Mal mit der Friseurin meines Vertrauens über die Möglichkeit, mit dem Färben aufzuhören und der Natur ihren Lauf zu lassen. Sie war entsetzt und riet mir energisch davon ab. Ihre Empfehlung stattdessen war, den Rotton aus der Farbe zu streichen und entsprechend mit einem anderen Ansatzset zwischenzufärben. Ihrer Meinung würde das die Situation in dem hart umkämpften Gebiet meines Ansatzes wesentlich entschärfen.

Die Friseurin meines Vertrauens hatte recht: Der Kontrast zwischen dem Ansatzset-Mausbraun und dem Natürlich-Mausgrau, das aus meiner Kopfhaut wuchs, war nicht soooo groß: Dafür sah beides beschissen aus und die Farbe in den Längen war halt auch kein sattes Kastanienbraun mehr, sondern eher ein mattes Durchfallbraun. Mit anderen Worten: So ganz richtig zufrieden mit meinen Haaren war ich schon lange nicht mehr.

Trotzdem schreckte mich der Gedanke, die elendige Färberei endlich aufzugeben und plötzlich mit einem Kopf voller grauer Haare, kraus und wirr, noch immer heftig genug, um diese Option nicht weiter in Betracht zu ziehen.

Bis gestern, als es von einem Moment auf den nächsten so über mich kam.

„Andrea“, sagte ich zur Friseurin meines Vertrauens (denn so heißt sie), „ich glaube, der Tag ist gekommen, an dem wir darüber sprechen müssen, wie ich dieser Färbehölle entkommen kann. Wie, zum Teufel, werde ich mit Anstand grau?“

„Ach, du meine Güte!“ rief die Friseurin meines Vertrauens. „Das meinst du nicht wirklich, oder?“

„Doch“, sagte ich, „das meine ich wirklich. Ich bin es leid, immer diesen Scheiß-Ansatz anzuglotzen und mich darüber zu ärgern. Ich bin es auch leid, blonde Frauen zu beneiden, bei denen man den Übergang zum Grau gar nicht sieht, denn ich hasse blond und möchte nicht blond sein. Also: Wie werde ich grau?“

„Rauswachsen lassen“, sagte die Friseurin meines Vertrauens, „aber das dauert und sieht währenddessen noch viel schlimmer aus als jetzt.“

„Und was können wir tun, um von dem Schlimmen abzulenken? Dunkelgraue Strähnen reinfärben oder lilane?“

„Das geht nicht. Man kann dunkel gefärbte Haare nicht einfach grau färben. Dafür müsstest du sie entfärben und das wäre für deine Haare gar nicht gut. Du kannst höchstens… “

Sie zögerte.

„… höchsten helle Strähnchen reinmachen, die die Blockbildung zwischen Ansatz und gefärbten Partien etwas aufweichen.“

Helle Strähnchen. Hm. Natürlich – das Wort „blond“ traute sich die Friseurin meines Vertrauens nicht zu sagen.

„Okay“, erwiderte ich. „Also helle Strähnchen. Und du schneidest so viel ab, wie es möglich ist, ohne mich wie ein Chemieunfall-Opfer aussehen zu lassen.“

Die Friseurin meines Vertrauens wirkte noch immer unglücklich.

„Wie willst du es denn sonst machen?“ fragte ich. „Ich meine, du hast ja eine ähnliche Haarfarbe wie ich. Du willst doch nicht so lange weiterfärben, bis du eine verhutzelte alte Oma bist und die Kinder im Bus mit dem Finger auf dich zeigen und ihre Mutter fragen, was das wohl für eine Wette war, die du vor rund vierzig Jahren verloren hast, oder?“

„Hm“, sagte die Friseurin meines Vertrauens. „Doch. Eigentlich habe ich genau das vor.“

„Das ist ja auch dein gutes Recht“, gestand ich dir zu. „Aber ich möchte das nicht. Ich möchte jetzt bitte gerne einmal herausfinden, was die Natur auf meinem Kopf angerichtet hat, und dann gemeinsam mit dir überlegen, was wir damit anfangen können. Wieder Farbe draufmachen können wir doch immer noch.“

Es hätte nicht viel gefehlt und die Friseurin meines Vertrauens hätte mich unterschreiben lassen, dass das alles aus meinem freien Willen geschieht und ich vorher über die Risiken aufgeklärt worden bin, bevor sie endlich die Schere zur Hand nahm. Dann schnitt sie munter drauf los, bis der Boden des kleinen Friseursalons fast völlig mit Haaren bedeckt war. Meinen Haaren und zwar der Hälfte, bei der die Farbe noch tipptopp ausgesehen hatte. Dann trug sie die Farbe für die „hellen Strähnchen“ auf und ließ mich kurz allein. Wahrscheinlich um ihren Anwalt anzurufen.

Eine Dreiviertelstunde später verließ ich die Friseurin meines Vertrauens mit einem sehr kurzen, ausgedünnten Bob und zum ersten Mal in meinem Leben mit blonden Strähnchen. Außerdem natürlich mit dem grauen Ansatz, mit dem ich bereits gekommen war, denn neue Farbe hatte es ja nun nicht gegeben. Beim Blick in den Spiegel des Büro-Aufzugs redete ich mir fröhlich ein, dass der graue Ansatz zwar ganz klar da war, wegen der überall die dunkelbraune Farbe durchbrechenden Strähnchen jetzt irgendwie besser in den Gesamteindruck integriert war.

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Ein Luftbild: Ich mit blonden Strähnchen.

Mit ist klar, dass der Ansatz spätestens in zwei Wochen ungefähr noch einen Zentimeter breiter sein wird – und dass die Friseurin meines Vertrauens dann in Urlaub sein wird. Nun ja. Vielleicht färbe ich mir dann als Ablenkungsmanöver mit Lebensmittelfarbe ein Pudellila hinein. Vielleicht auch nicht. Dann stehe ich eben zur Tricolor-Bettina (Fifty Shades of Whatever), die ich dann eben – hoffentlich vorübergehend – mal sein werde. Schließlich sind Katze 1 und Katze 2 auch Tricolor. Wobei Schildpatt natürlich viel distinguierter klingt – vielleicht werde ich das Spektakel auf meinem Kopf einfach auch Schildpattmuster nennen.

Ach ja. Das Elend mit der Trump-Amtseinführung habe ich also aus persönlichen Gründen mehr oder weniger komplett verpasst. Wie ich eingangs schon sagte: Solange die grauen Haare mein größtes Problem sind, geht es mir noch echt gut.

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Mein Selphi aus der Elphi.

Schon vor ein paar Wochen, Ende November, hatte ich zum ersten Mal Gelegenheit, die Elbphilharmonie zu besuchen, und zwar nicht nur die für die Öffentlichkeit bereits zugängliche Plaza, die Aussichtsplattform, von der man einen wirklich schönen Blick rundum über Stadt und Hafen hat (gehabt hätte, wenn es an dem Abend nicht neblig mit einer Sichtweite unter 50 Metern gewesen wäre). Aber die Aussicht war sowieso Nebensache, denn ich war mit einigen meiner Kollegen zu einem Testkonzert im Großen Saal eingeladen und somit dem schnöden Plazabesucher natürlich weit voraus.

Eigentlich hätte ich nach diesem Testkonzert (es handelte sich nicht um klassische Musik, sondern um einen Auftritt der Hamburger Soulsängerin Mio plus Band) gerne schon was über meine Eindrücke geschrieben. Es drängte mich sogar sehr dazu, aber dummerweise wurde das Publikum dieses Testkonzerts, das aus Freunden, Verwandten und Anwohnern bestand (will sagen: geladenen Gästen, die sich auch im Nachhinein noch ermitteln lassen), vom Intendanten der Elbphilharmonie persönlich sehr eindringlich darum gebeten, keine Fotos zu posten und nicht schon alles zu verraten, was man dort zu sehen und zu hören bekam.

Natürlich hatte ich zu dem Zeitpunkt, als er diese Ansage machte, schon das erste Foto getwittert… aber gut, danach hielt ich die Klappe und behielt meine Ersteindrücke (stylisch, aber furchtbar unpraktisch und auch ein bisschen ungemütlich – ich habe mich nicht auf den Platz gewagt, für den ich eine Karte hatte, weil mir der Weg dorthin zu steil war) für mich. Schließlich wusste ich, dass hinter den Kulissen der Elbphilharmonie zu der Zeit noch heftig getestet, probiert und natürlich auch nachgebessert wurde – wohl in der Hoffnung, dass es bei den Eröffnungsfeierlichkeiten und -konzerten nicht allzu viele unliebsame Überraschungen gibt.

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So sieht es aus, wenn sich der Große Saal langsam füllt.

Nun ist das Eröffnungsfestival schon in vollem Gange, am Mittwoch fand die offizielle Eröffnung des neuen großen Konzertsaals mit großem Prunk und Getöse und vor allem umfassender Begleitung in den alten und neuen Medien statt. Am Freitag, vorgestern, gab es dann „unser erstes Konzert“, also eine Kooperation des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg mit der Staatsoper Hamburg. Eine Uraufführung, die extra – als Auftragswerk – für uns und diese Gelegenheit komponiert worden ist: ARCHE, ein Oratorium für Soli, Chöre, Orgel und Orchester des Komponisten Jörg Widmann, dirigiert vom Hamburger Generalmusikdirektor Kent Nagano. Auch wieder ein großes Event natürlich, mit Liveübertragung im Rundfunk und viel, viel Berichterstattung.

Ich ging, weil ich zwar viel Lust auf das Werk und die Aufführung hatte, Events aber nach Möglichkeit weiträumig umfahre, am Morgen des Aufführungstages in die Generalprobe – schon, weil ich da einen ganz hervorragenden Platz im Balkon gegenüber von der Bühne haben konnte und nicht irgendwo direkt vor, auf oder hinter der Orgel sitzen musste (was mir im Konzert widerfahren wäre). Ich konnte fast allen Musikern sowie dem Chor ins Gesicht schauen, wurde also direkt anmusiziert und angesungen.

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Mein Platz in der 5. Reihe im Bereich M war im Gegensatz zu meinem Platz im Testkonzert zum Glück problemlos zu erreichen, obwohl ich nicht, wie vorgesehen, im Foyer bis auf die 15. Etage kletterte (von der 8. Etage aus, auf der die Plaza liegt, auf die man mit der vielfotografierten Rolltreppen-Tube oder ganz schnöde mit dem Aufzug fährt). Da ich den Saal von meinem ersten Besuch ja schon kannte, wusste ich, dass man sich innerhalb des Saals frei bewegen kann und von jedem Eingang aus zu jedem Platz kommen kann. Und tatsächlich war es auch so, dass ich von der 13. Etage aus nur ungefähr genauso viele Stufen und Wege bis zu meinem Platz zurückzulegen hatte wie von der 15. Etage.

Da die Sache mit dem Einlass bei der Generalprobe noch nicht ganz so gut klappte und sich letztendlich mit erheblicher Eile vollziehen musste, hatte ich keine Gelegenheit, wie geplant, die zurückgelegten Stufen zu zählen. Meine Fitnessuhr zeigte mir aber nach dem Besuch insgesamt 7 (in Worten: sieben) erklommene Stockwerke an. Und die riesigen Freitreppen im Foyer der Elbphilharmonie haben es in sich, sie winden sich großzügig und labyrinthartig nach oben und nach jedem Absatz in eine andere Richtung weiter. Im Gegensatz zu den Treppen in den Rängen des Großen Saals sind sie nicht steil, aber die Stufen sind wie bei einer echten Wendeltreppe außen viel breiter als innen und lassen viele nicht bergerfahrene Besucher nach dem nächstgelegenen Handlauf suchen.

Natürlich gibt es auch für alle möglichen Teilstrecken auf dem Weg nach oben verschiedene Aufzüge, aber diese sind gut versteckt und außerdem war ich erstens neugierig auf die Architektur der Foyers und zweitens wollte ich auch nicht plötzlich zur Gruppe der in ihrer Mobilität eingeschränkten Besucher gerechnet werden.

Das klappte auch und, wie gesagt, mein Platz war großartig. Ich hatte eine hervorragende Sicht auf das etwa 120 Musiker starke Orchester (allein 7 Schlagzeuger bespielten zwei LKW-Ladungen Schlaginstrumente!) und ungefähr 150 Chorsänger, die im letzten Teil der ARCHE noch durch einen gut dreißigstimmigen Kinderchor verstärkt wurden. Die Klänge, die diese Kollektive erzeugten, kamen ziemlich sicher so bei mir an, wie es sich der Komponist, der Dirigent und alle anderen Beteiligten vorgestellt hatten: satt, warm, wunderbar abgestuft und durchhörbar. Auch das kleinste Piano trug und das lauteste Forte war zwar laut, aber nicht schmerzhaft (ich bin da durchaus empfindlich).

Ergänzt wurden die Kollektive durch zwei erwachsene Gesangssolisten, einen Kindersolisten, zwei „Erzählkinder“ (also Sprechpartien) und verschiedene kleinere Soloparts, die von Mitgliedern der Chöre realisiert wurden. Das war für mich, die ich ja tagtäglich mit Sängern und Stimmen zu tun habe, natürlich der interessanteste Teil des Konzerts – allerdings auch der Teil, in dem sehr schnell deutlich wurde, dass der neue Konzertsaal zwar viel kann, was die gute alle Laeiszhalle (die viele Konzertbesucher noch unter dem Namen Musikhalle kennen) nicht kann (zum Beispiel so viele Mitwirkende auf der Bühne und drumherum unterbringen und die von diesen Mitwirkenden erzeugte Musik wirklich zu einer lohnenden Hörerfahrung zu machen, denn von einer gewissen Menge Schallwellen im Raum an ist es dort nur noch laut), aber auch, was er nicht ganz so gut kann wie erhofft: Nämlich die Stimme eines Sängers oder einer Sängerin, die vor Chor und Orchester vorne „an der Rampe“ beim Dirigenten platziert ist wirklich im ganzen Saal hörbar zu machen, unabhängig davon, wer sonst alles noch so singt und spielt.

Das fand ich bei der ARCHE nun besonders schade, weil die großartige Sopranistin Marlis Petersen ihren ersten Auftritt als von Noah ausgesandte Taube auf der Suche nach Land sich so großartig durch den Saal geträllert und gegurrt hatte, dass ich gerne auch im weiteren Verlauf der Aufführung, als sie unten auf der Bühne angekommen war, an ihren Lippen gehangen hätte. Dafür hätte ich aber Lippen lesen können müssen.

Wie gesagt: Ich hatte einen großartigen Platz und wurde von den Solisten ziemlich direkt angesungen, konnte aber, sobald mehr als ein Flügel auf der Bühne spielte, keinen Text mehr verstehen, und sobald das Orchester insgesamt loslegte, die Stimmen auch kaum noch hören. Von Klarheit und Durchhörbarkeit konnte wirklich keine Rede mehr sein. Befragungen meiner Kollegen, die in der Generalprobe und auch im abendlichen Konzert auf allen möglichen Plätzen des Hauses gesessen haben, bestätigten meinen Eindruck und mehrfach wurde die Hoffnung geäußert, dass der hochgelobte japanische Fachmann, der den Saal in Sachen Akustik sehr aufwendig optimiert hat, hier noch einmal nachbessern kann.

Was das Konzert an sich angeht, war das iin meinen Augen aber wirklich der einzige Wermutstropfen. Ich mochte das Stück, ich mochte die transportierte Botschaft und die Emotionen, die sich bei mir einstellten. Eine Konzertkritik werde ich deswegen aber ganz sicher nicht schreiben, dazu fehlen mir Neigung, Eignung und Hintergrundwissen. Davon abgesehen, sind ja bereits zahlreiche Besprechungen der Uraufführung erschienen.

Das Eröffnungsfestival der Elbphilharmonie geht weiter und es werden noch viele große Sachen zu hören sein, unter anderem Beethovens „Missa Solemnis“, „Die Schöpfung“ von Haydn und das Neueste von den „Einstürzenden Neubauten“.

Im Moment sind alle Konzert (so gut wie) ausverkauft, wegen der großen Nachfrage werden aber noch möglichst viele Veranstaltungen nachdisponiert. Es lohnt sich also, das Veranstaltungsprogramm der Elbphilharmonie in der nächsten Zeit im Auge zu behalten (ebenso lohnt es sich übrigens möglicherweise, nach den wenigen vorhandenen Restkarten zu schauen, die kosten nicht viel Geld und wirklich schlechte Plätze gibt es eigentlich nicht). Ich kann den Besuch des Neubaus von Herzen empfehlen, würde dem interessierten Erstbesucher aber noch die folgenden Tipps auf den Weg mitgeben wollen:

  • Kommen Sie rechtzeitig. Der Weg vom Eingang bis zu Ihrem Platz ist sicherlich in knapp zehn Minuten zu schaffen, aber dafür müssen Sie sich in dem Laden schon gut auskennen. Dem Erstbesucher werden eher dreißig Minuten „Reisezeit“ empfohlen.
  • Lassen Sie sich beim Kartenverkauf beraten oder konsultieren Sie den Saalplan auf der Website der Elbphilharmonie. Wenn Sie nicht gerne steile Treppen ohne Geländer steigen oder in Abgründe schauen, gibt es Plätze, die Sie nach Möglichkeit meiden sollten.
  • Wenn Sie im Foyer nicht sieben Etagen klettern möchten, lassen Sie sich auf der Suche nach dem Aufzug nicht entmutigen. Es gibt immer einen; er ist nur vermutlich nicht da, wo Sie oder ich ihn hingebaut hätten (Erfahrung mit den Aufzügen bei Ikea in Altona ist von Nutzen).
  • Wenn Sie eine Frau sind und gerne in der Konzertpause die Toilette aufsuchen, denken Sie daran, dass Sie dort ohne Abendkleid nicht reinkommen (und als Mann nicht ohne Schlips). Bedenken Sie auch, dass auch die Toiletten in abgelegenen Ecken liegen und dass es wie immer und überall seit Anbeginn der Zeitrechnung nicht genug Damenklos gibt.
  • Wenn Sie sich in der Pause mit Menschen, die im Saal woanders sitzen, verabreden wollen, machen Sie einen konkreten Treffpunkt aus. In den labyrinthartigen Wandelgängen auf den verschiedenen Ebenen rund um den Großen Saal finden Sie sich sonst vermutlich nie wieder.
  • Vergessen Sie nicht, im Saal und auch auf der Plaza jeweils mindestens ein Selfie zu machen. Dies wird vom Ordnungspersonal beim Verlassen des Hauses stichprobenartig kontrolliert.
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Ich hasse den Winter. Jawohl.

Ich hasse den Winter. Ich hasse den Winter auf ganzer Linie und sehr intensiv. Romantische Züge nimmt er in meiner Gegenwart nicht an.

Wann immer ich im Winter aufwache, aus dem Fenster schaue oder das Haus (im Allgemeinen unfreiwillig) verlasse, ist es dunkel: Morgens und abends auf jeden Fall und oft genug auch mittags, wenn ich kurz zum Essen oder Einkaufen unterwegs bin. Sollte aus irgendeinem Grunde doch mal die die Sonne scheinen, dann steht sie so tief am Himmel, dass sie direkt durchs Auge auf den Migränepunkt im Hirn trifft.

Es ist kalt. Draußen sowieso, aber in meiner Wohnung auch. Schließlich wohne ich in einem dekorativen, charaktervollen Altbau mit hohen Decken, undichten Fenstern und Etagen-Gasheizung. Die Gastherme in der Küche kocht durchgehend auf mindestens mittlerer Stufe vor sich hin und macht dabei gerne Geräusche, als würde sie entweder demnächst in die Luft gehen oder einen Wurf junger Gasthermen zur Welt bringen. Ich weiß nicht genau, was ich unpraktischer finden würde. Trotzdem schalte ich die Heizung nicht aus, weder nachts noch wenn ich die Wohnung verlasse. Erstens würden die Katzen sie doch nur wieder einschalten und zweitens würde die Wohnung in kürzester Zeit so auskühlen, dass wir  möglicherweise ins Hotel umziehen müssten.

Die Fenster meiner Wohnung sind von innen mit einer Thermofolie beklebt, die eine Doppelverglasung simulieren soll. Die Folie ist, wenn man sie nach dem Ankleben, schön glatt föhnt, auch fast durchsichtig  und man kann die Menschen, die draußen den Elementen ausgesetzt, fast deutlich sehen. Viel wärmer wird es durch diese Maßnahme nicht, aber jedes Grad zählt.

Drinnen sitzen wir, die Katzen, mein Freund und ich, mit Rolkragenpullis, dicken Socken und ein paar Bettdecken auf dem Sofa. Sehr warm ist es trotzdem nicht, aber wenigstens friert man sich nicht versehentlich ein paar Zehen ab oder so.

Da meine Wohnung im ersten Stock und in einer engen Straßen- und Hinterhofsituation liegt, scheint die Sonne nur sehr selten hinein und wärmt die Luft kaum an. Die Heizperiode dauert also mindestens von September bis April. Von Mai bis August schalten wir die Heizung immerhin stundenweise ab, auch wenn es dann drinnen oft kälter als draußen ist. Man gewöhnt sich aber im Laufe der Jahre daran, Mäntel, Mützen und Schals beim Heimkommen anzuziehen und beim Rausgehen wieder abzulegen.

Jetzt, im Winter, brauchen wir die warmen Klamotten gar nicht an- und auszuziehen, wir behalten sie einfach durchgehend an. Das heißt, wenn wir welche hätten. Leider mag ich keine Winterklamotten,  weil ich sie unbequem und hässlich finde, deswegen gelingt es mir nur selten, welche zu kaufen. Den einen warmen Pulli, den ich besitze, muss ich also immer im Auge behalten, damit die Katzen sich daraus nicht wieder ein Nest bauen.

Meine Katzen stammen ja aus Südspanien. Das Hamburger Wetter ist für sie eine ziemliche Herausforderung – und das, obwohl sie ja reine Wohnungskatzen sind und nicht rausgehen. Katze 2, die ohne wärmendes Unterfell zur Welt gekommen ist, ist ziemlich anfällig, verkühlt sich leicht und fängt schon bei kurzzeitigem Temperaturanfall an zu niesen. Bedrohlich zu niesen, versteht sich. Katze 1 hat flauschiges Unterfell und ist weniger empfindlich, aber sie ruft jedes Mal den Tierschutzverein an, wenn ich im Schlafzimmer kurz das Fenster auf Kipp stelle, um mal durchzulüften.

Was ich am Winter noch mehr hasse, als Dunkelheit und Kälte, sind Schnee und vor allem Eis. Alle Niederschläge und vor allem die Teile der Niederschläge, die auf dem Boden liegenbleiben, hasse ich. Und sie machen mir Angst. Richtig viel Angst, die bei genauer Betrachtung eine ganze Menge mit Panik und Hysterie zu tun hat. Sobald Straßen und Gehwege mit irgendeiner Art von gefrorenem Wasser bedeckt sind, möchte ich am liebsten zu Hause bleiben, und zwar bis alles restlos abgetaut ist.

Blitzeis, wie es gestern in Hamburg und großen Teilen Norddeutschlands zu finden war, ist in meinen Augen eine Erfindung des Teufels. Eine Erfindung, mit der ich nicht umgehen kann. Ich habe alle möglichen Stiefel mit Profilen wie Traktorreifen… und dennoch rutsche ich. Ich besitze mindestens drei Paar Umschnallspikes… keins davon kann ich auf der Straße, also normalerweise im Stehen, sicher an meinen Schuhen befestigen; ich bin also nicht sicher, ob sie die Unfallgefahr nicht vielleicht noch erhöhen. Meine Testläufe mit über die Schuhe gestreiften Socken endeten bisher immer mit erfrorenen Socken, die mit einer Eisschicht überzogen das Rutschen auch nicht verhinderten. Mit einer Tüte Streusand oder Katzenstreu, das man vor sich auf den Weg streut, kann man auch keine längeren Wege zurücklegen.

Ich habe sehr große Angst davor, auszurutschen und hinzufallen. Der größte Teil meines Körpers fällt nach wie vor entspannt und ohne sich wehzutun, aber mein linkes Knie macht da leider nicht mehr mit. Es ist seit einem ziemlich dämlichen Sportunfall mit Bänderriss vor etwa vierzig Jahren und einem spektakulären Badezimmerunfall vor zwanzig Jahren irreparabel lädiert bzw. instabil und sozusagen meine Achillesferse. Jahrzehntelanges Übergewicht half natürlich auch nicht und das letzte Röntgenbild ergab heftige Arthrose im Gelenk. Das Knie nimmt mittlerweile jeden kleinen Fehltritt übel und bei größeren Fehltritten wie zum Beispiel Ausrutschen macht es so lustige Sachen wie Sich-Verdrehen und Überdehnen aller möglichen Bänder.

Dieses zum letzten Mal vor ziemlich genau sieben Jahren, auch in einer Blitzeis-Situation. Ich war auf dem Weg nach Hause von einer nachmittäglichen Theateraufführung quer durch Hamburg und schon fast am Ziel. An der großen Kreuzung, fünfzig Meter von meiner Wohnung entfernt, stieg ich aus dem Bus und machte mich ans Überqueren der Hauptstraße. Als ich mitten auf der Straße bemerkte, dass diese höllisch glatt war, flog ich auch schon mit Schwung durch die Luft, mein Knie drehte sich gefühlt einmal um sich selbst und zurück, und ich landete auf meinem dicken Hintern. Ungefähr auf der Mittellinie der vierspurigen Straße. Diese war zum Glück nicht sehr befahren – normalerweise sehr ungewöhnlich, aber offenbar hatten alle anderen Verkehrsteilnehmer im Gegensatz zu mir bereits bemerkt, dass es glatt war, und waren zu Hause geblieben. Ich war also nicht direkt in Not. Dachte ich zumindest im ersten Moment, bis ich merkte, dass ich nicht aufstehen konnte. Mein Knie tat höllisch weh und ließ sich nicht beugen, die Straße war wirklich schweineglatt.

Ein Mann, der an der gegenüberliegenden Bushaltestelle wartete, erbarmte sich schließlich meiner, zog mich hoch und half mir an den rettenden Straßenrand. Dort behauptete ich dann, alleine zurechtzukommen, bedankte mich und humpelte mühsam nach Hause. Aus Erfahrung wusste ich, dass die Schmerzen noch schlimmer werden würden, das Knie anschwellen würde und möglicherweise später auch noch eine Art Schockzustand einsetzen würde – und bis dahin wollte ich unbedingt nach Hause, die Katzen gefüttert haben und in meinem Bett liegen. Das klappte auch, aber unter sehr erschwerten Bedingungen. An der Treppe in die erste Etage wäre ich fast gescheitert.

Am nächsten Tag hatte das Knie ungefähr doppelten Umfang (und es ist schon im Normalzustand nicht eben schlank) und ich war komplett bewegungsunfähig. Am übernächsten Tag schleppte ich mich runter, ließ mich mit dem Taxi zum Arzt fahren und bekam einen Tapeverband. Der stabilisierte das Gelenk zumindest etwas. Es dauerte aber viele Wochen, bis ich wieder schmerzfrei gehen konnte, und der Winter in dem Jahr (2010), der bis in den April hinein dauerte und die Fußwege glatt hielt, hat meine Lebensqualität erheblich eingeschränkt.

Seitdem fürchte ich mich noch mehr als vorher vor Glatteis und allen klimatischen Symptomen, die darauf hindeuten könnten, dass es Glatteis geben könnte. Derer gibt es nicht wenige und die ständige Sorge macht mich, so denke ich manchmal, wirklich mürbe und auch unleidlich. Schließlich möchte ich jedem, der sich über Schnee oder Kälte oder auch Weihnachtsmärkte freut (und diese gerne in der Gruppe besuchen möchte, also auch mit mir, wenn es „schön kalt“ ist), eine reinhauen. Ohne Ansehen der Person.

Dass Winter auf Fotos oder Postkarten, von mir aus auch im Kino, hübsch aussehen kann, bestreite ich nicht. Aber das heißt doch nicht, dass ich persönlich am Winter teilnehmen möchte. Ich weiß auch nicht, warum das nicht mal vernünftig geregelt werden kann! Ich meine, von mir aus kann ja in einschlägigen Orten wie diesen sogenannten „Wintersportgebieten“ so viel Schnee liegen wie möglich. Dort ist man auch auf Minusgrade wesentlich besser eingerichtet, denn dort kommen die Eingeborenen schließlich noch mit intaktem Winterfell nebst Unterfell zur Welt. Wenn es unbedingt sein muss, könnten ja auch in Norddeutschland ein paar Winterdörfer installiert werden – aber eben an Orten, die niemandem im Weg sind, der einfach nur von einer Stadt in die nächste möchte. Diese künstlichen Rodelbahnen und Indoor-Ski-Dingsis sind ja vielleicht ein bisschen albern und unromantisch, aber im Prinzip doch eine gute Erfindung. Man sollte nur konsequent dazu übergehen, den Winter nur noch an diesen dafür vorgesehenen Orten stattfinden zu lassen, finde ich. Und die Menschen, die sich über den Winter freuen, können da ja hinfahren. Oder auch hinziehen. Und dann von mir aus jeden Tag rodeln gehen und anschließend auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein trinken. Ist mir ja recht – aber lasst mich und die Stadt, in der ich lebe, damit einfach in Ruhe, okay?

 

 

 

 

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